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Tour de Dom

Vor zwei Jahren fuhr ich schon einmal von Deutschland nach Südtirol. Damals war das eine Tagestour von zehn Stunden und 250 Kilometer auf dem leichten Rennrad. Jetzt war es wieder so weit. Mich packte der Ehrgeiz und ich wollte wieder mit eigener Wadelkraft über die Alpen. Doch diesmal startete ich direkt vor meiner Haustüre. 850 km und zigtausende Höhenmeter, auf fünf Tagen verteilt, sollte meine diesjährige Tour haben. Schon bei der Planung schien mir das sehr optimistisch zu sein.

Am 06. Juni um sieben Uhr morgens startete ich in die erste Etappe. Von Neukirchen b. Bogen nach Passau und hinüber an den Chimsee. Schon am ersten Hügelchen merkte ich, dass ungefähr 30 Kilogramm Gepäck nicht so einfach wegzustecken sind. Nach guten drei Stunden war ich dann auch in Passau. Die erste Ration aus Banane, Apfel und Müsliriegel war verdrückt. Noch hatte ich gute Laune und war zuversichtlich, dass ich mein Tagesziel erreiche. Ab Passau fuhr ich auf dem Innradweg. Der ist zwar wunderschön, aber ich musste oft auf Sand- und Schotterstraßen fahren und das Gelände wurde hügeliger. Zudem verschlechterte sich das Wetter immer mehr. Nach sechs Stunden fuhr ich dann direkt auf eine Gewitterfront zu. Vielleicht komme ich noch auf Burghausen, ok vielleicht ja noch auf Simbach. Als der Sturm dann massive Bäume hin und her fecherte wie eine sanfte Frühlingsbrise frische Kornehren, war dies mir zu riskant und ich suchte in einem Wirtshaus, ungefähr zehn Kilometer vor Simbach, Schutz. Heute fuhr ich 100 km weniger wie geplant und mein Zustand war schlechter wie erhofft. Erste Zweifel bahnten sich an. Fahr ich wieder heimß Zieh ich es durchß Kürze ich abß Beim Abendessen verschmiss ich dann meine utopischen Ziele und beschloss bis nach Innsbruck auf dem Innradweg zu bleiben und dann den Brenner erneut zu erklimmen.

Tag zwei. Ich schlief an die 14 Stunden. Die schlimmsten Schmerzen haben sich verflüchtigt. Nach dem Frühstück ging es weiter auf dem Innradweg Richtung Rosenheim. Von dem Gewitter waren nur noch nasse Flecken, auf dem schwarzen Asphalt, zu erkennen. Simbach war gleich erreicht, dann Marktl, Altötting. Es lief alles viel besser wie am Vortag, obwohl ich im Schnitt langsamer fuhr. Mir war im großen und ganzen egal wo ich heute lande. Vielleicht Wasserburg oder gar Rosenheim. Mal gucken. Ungefähr 15 km vor Wasserburg tat sich die Chimgauer Hügellandschaft auf. Mit ihr kamen die ersten Kuhweiden und rhythmisches Glockenbimmeln. Obwohl ich mich an diesem Tag sehr gut fühlte mutierte, mit Hilfe meines Gepäcks, jede etwas längere Erhebung zu einer mittleren Bergwertung. Die letzten 15 km vor Rosenheim waren dann nur noch flaches dahin radeln. Nach einigen nervig langen Flussbiegungen stand ich dann vor Rosenheim. „So, wo werde ich denn heute schlafenß" Nach einer halben Stunde fand ich die Tourist-Information. Geschlossen. Blöd. Erstmal eine Banane essen. Auf dem spärlichen Stadtplan kann ich nur Hotels über meinem Niveau orten. Nach einer weiteren Stunde umher radeln ergatterte ich dann ein Zimmer in einem Wirtshaus außerhalb von Rosenheim. Es war ein guter Tag gewesen. Sogar so gut, dass ich zu Fuß in die zwei Kilometer entfernte indische Pizzeria ging und Hähnchen Chop Suey essen konnte.

Nass ist das Gegenteil von trocken und das erste was mir am dritten Morgen einfiel, als ich aus dem Fenster schaute. Petrus goss seine Blumen und ich stand mitten drin. Nach dem Frühstück verpackte ich mich in meine Regenausrüstung wie eine Raupe in Ihren Kokon. Nach fünf Kilometer hörte es jedoch schon wieder auf zu Regnen und ich musste alles wieder rückgängig machen. „Heute will ich nach Innsbruck". Ich schätzte die Strecke auf ungefähr 110 Kilometer. „Also eine lockere Sache", so dachte ich mir. So ging ich diese Etappe auch an. Schön gemütlich, hin und wieder ein paar Bilder schießen. Aber ich machte einen Fehler. Ich nahm mir von Anfang an Innsbruck als Ziel. Dann fährt man 20 Kilometer und dann sind es ja immer noch 90 bis ans Ziel. „Boa, noch so weit." Das ich für 20 km aber doch eine Stunde unterwegs war und das auch nicht schlecht ist wird einem gar nicht bewusst. Je kürzer ich mir die Meilensteine gesetzt habe desto besser kam ich voran. Jedenfalls zog sich die Tour durchs Inntal ewig lange dahin. Und außer Berg, Autobahn, Fluss und Stadt gab es da auch nicht viel zu sehen. Naja, nach gut sechs Stunden war ich dann aber auch in Innsbruck. Ich war so was von froh, dass ich aus dem Sattel kam. Die letzten 30 km ähnelte ich mich mehr und mehr einen Pavian von hinten. Außerdem zickte mein rechtes Knie immer herum. Aber was soll's, nur noch einen Tag.

Endspurt. Schnell einmal über den Brenner und ich bin da. Nur noch 135 Kilometer. Voll motiviert startete ich in den letzten Tag. Unmittelbar nach Innsbruck begann der Berg. Vor mir standen drei Stunden bevor ich den höchsten Punkt erreichte. Schon nach einer halben musste ich mein Knie mit Sportcreme einbalsamieren, da die Schmerzen immer stärker wurden. Ansonsten ging es besser voran, als ich dachte. Meine Sitzflächen hatte ich ebenso mit einer fünf Zentimeter dicken Schicht Spezialcreme eingerieben und machten somit kaum Probleme. Der Aufstieg ging recht zügig voran. Wahrscheinlich hab ich mich schon an die Belastungen gewöhnt. Aber was ich unterschätzt habe, waren die mehr als 100 restlichen Kilometer. Da glaubst du: "Nach dem Brenner geht's nur bergab." Denkste! Der Radweg windet sich durchs Tal wie ein viereckiges Ringelschwänzchen. „Oh Mann, noch 50 km nach Brixen" Als ich die Stadt am Eisack endlich erreicht habe waren es nur noch 20 km nach Bozen. Falsch! Der erste Wegweiser belehrte mich eines besseren. 45 km. Jetzt mag ich aber bald nicht mehr. Ich schaltete auf stur und radelte einfach Kilometer für Kilometer runter. Irgendwann war es dann soweit: „Bozen fünf Kilometer ... Bozen ein Kilometer ... Willkommen in Bozen" Endlich am Ziel, endlich da, endlich.

Über 580 km und 26 Stunden in vier Tagen. So lange saß ich im Sattel. Die folge waren Poposchmerzen, Lähmungserscheinungen in der rechten Hand und im rechten großen Zeh sowie ein schmerzendes Knie. Bei jedem Tritt klopfte mir ein Schlumpf mit einem Hammer von innen an die Kniescheibe. Nicht empfehlenswert. Dennoch bin ich froh, dass ich diese Tour gemacht habe. Es gibt viele, die die Strecke schneller und unproblematischer bewältigt hätten. Meine Grenzen hatte ich aber erreicht. Außerdem konnte ich mich neu sortieren und einige offene Fragen klären. „Der Weg ist das Ziel" und „Nur in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist", lehrte einst Konfuzius. Zwei Weisheiten die ich erst in diesen vier Tagen verinnerlichen konnte.

Von Neukirchen nach Bozen
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